Zu woke, zu grün, zu unmotiviert?

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Generation Z und der Arbeitsmarkt – eine Horrorstory?

Auf dem Papier sieht der Bewerber wunderbar aus: Gute Noten, interessante Praktika und einschlägige Fortbildungen. Jetzt geht es nur noch darum, abzuklopfen, ob er auch von der Persönlichkeit ins Team passt. „Was ist Ihnen bei einem Arbeitsplatz besonders wichtig?“ fragt die Personalchefin und hofft, dass der Bewerber auch jetzt eine gute Figur macht. Dieser lehnt sich entspannt zurück und nennt klare Forderungen: Vier-Tage-Woche, flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, auch mal aus Bali zu arbeiten. „Das passt nicht ganz zur Stelle, um die es hier geht“, erwidert die Personalchefin. Doch der junge Bewerber bleibt gelassen. „Dann finden wir wohl nicht zusammen“, sagt er und lächelt freundlich. Szenen wie diese sind heute keine Seltenheit – und sie werfen ein Licht auf die Missverständnisse zwischen Arbeitgebern und der Generation Z.

Eine neue Dynamik im Arbeitsmarkt

Zur Generation Z, oder kurz Gen Z, gehören Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden. Sie sind zwischen 15 und 30 Jahren alt und die älteren unter ihnen erobert zunehmend den Arbeitsmarkt. Doch die neue Generation stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen. „Die Kohorte der Babyboomer steht der Generation Z zahlenmäßig konträr gegenüber auf dem Arbeitsmarkt“, erklärt Dr. Rüdiger Maas, Gründer und Vorstand des Instituts für Generationenforschung in Augsburg. „Während die Boomer die größte Geburtenkohorte seit dem Zweiten Weltkrieg waren, ist die Generation Z die mit Abstand kleinste.“ Mit dem allmählichen Renteneintritt der Boomer wandelt sich der Arbeitsmarkt grundlegend. „Für jeden Babyboomer, der in den nächsten Jahren in Rente gehen wird, kommt statistisch nur eine halbe Arbeitskraft der Gen Z nach“, erklärt Maas.

Und nun stehen dem Arbeitsmarkt viel weniger Arbeitskräfte zur Verfügung. Deshalb nehmen Experten wie Maas an, sich der Arbeitgebermarkt allmählich in einen Arbeitnehmermarkt verwandelt. Entsprechend anspruchsvoll treten junge Menschen auf. Gerade beim Thema Nachhaltigkeit machen junge Menschen nur noch selten Kompromisse.  Laut der Deloitte Global Survey aus dem Jahr 2024 haben 20 Prozent der Gen Z und Millennials bereits ihren Job oder die Branche gewechselt, um besser mit ihren Umweltwerten im Einklang zu stehen. Ein weiteres Viertel plant, diesen Schritt in Zukunft zu gehen. Außerdem betrachten drei Viertel der Befragten das gesellschaftliche Engagement eines Unternehmens – insbesondere im Bereich Nachhaltigkeit – als wichtigen Faktor bei der Wahl des Arbeitgebers.

Die Generation Z zeigt ihre politische Haltung klar und deutlich – sei es bei Fridays for Future oder im Schulterschluss mit älteren Generationen für mehr Klimaschutz. Auch bei der Generation Y, also bei den zwischen 1980 und 1994 geborenen, herrscht ein starkes Bewusstsein für die Folgen der Klimakrise. Eine Umfrage des Karriereportals Stepstone aus dem Jahr 2020 mit 12.000 Teilnehmenden zeigt, dass Nachhaltigkeit für drei Viertel der jüngeren Generationen eine zentrale Rolle spielt, wenn es um die Wahl des Arbeitgebers geht. Besonders bei der Generation Z liegt die Messlatte hoch: Sie bevorzugt klar Unternehmen, die aktiv umweltfreundlich handeln. Und selbst in der Generation Y möchte jeder Zweite lieber für eine umweltbewusste Firma arbeiten.

Grüne Must-Haves

Dabei ist Nachhaltigkeit für die Generation Z kein Nice-to-have, sondern ein Muss. Sie suchen gezielt Unternehmen, die nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sind, sondern auch Verantwortung für die Umwelt und die Gesellschaft übernehmen. Die Forderung nach echter Verantwortung betrifft nicht nur Klimaschutz, sondern auch soziale Aspekte wie faire Löhne und ethische Lieferketten. Firmen, die hier konsequent handeln, können langfristig nicht nur Talente anziehen, sondern auch ihren wirtschaftlichen Erfolg sichern.

Unternehmen, die ihre Recruiting-Strategien auf Nachhaltigkeit ausrichten, haben einen klaren Vorteil. Junge Talente erwarten inzwischen, dass Arbeitgeber ihnen konkrete Möglichkeiten bieten, sich für ökologische und soziale Ziele einzusetzen. Flexible Arbeitszeiten, klimafreundliche Benefits wie E-Bike-Leasing oder Homeoffice sowie ein Fokus auf CO₂-Reduktion sind keine optionalen Maßnahmen mehr, sondern helfen Arbeitgebenden beim Wettkampf um Fachkräfte.

Recruiting in einer neuen Ära

Versteinerte und wenig nachhaltige Strukturen können im Angesicht des demografischen Wandels schnell zum Problem werden. Denn die Generation Z hat eine deutlich veränderte Haltung zur Arbeit. „Während sich ältere Generationen stark mit ihrem Beruf identifiziert haben“, so Maas. „Also zum Beispiel ‚Ich bin Arzt, ich bin Anwalt, ich bin Schreiner‘, würden die Mitglieder der Generation Z eher sagen: ‚Mein Beruf ist XY, aber nach Dienstschluss bin ich wieder Max Mustermann‘.“ Diese Einstellung führe zu einer deutlichen Work-Life-Separation: „Man kommt und geht pünktlich. Ist die Arbeitszeit zu Ende, ist auch die Arbeit zu Ende und es beginnt die Freizeit, die nun mindestens eine gleiche oder gar wertigere Stelle einnimmt.“ Was für jüngere Generationen eine Selbstverständlichkeit ist, scheint für Boomer unvorstellbar. Denn die jüngeren Generationen haben verstanden, dass sie nur nachhaltig Leistung bringen können, wenn sie auch Zeit zur Erholung haben.

Auf Grund des starken Konkurrenzdrucks war die Generation der Boomer tendenziell eher bereit, mehr zu geben als das, für das Sie bezahlt wurden. Doch bei genauerer Betrachtung erscheint die dazu passende Haltung der Arbeitgebenden fast so, als würde sich der Kunde in der Bäckerei echauffieren, wenn er drei Brötchen bestellt, bezahlt – und nur eben diese drei Brötchen in der Tüte findet. Ist die wahre Generation Anspruch womöglich die Gruppe der altbackenen Arbeitgeber? Klar ist: Im Kampf um Fachkräfte müssen Arbeitgeber bald umdenken, wenn sie nicht abgehängt werden wollen.

Doch nicht nur die Prioritäten der Generationen unterscheiden sich deutlich, auch die Mediennutzung und die Art der Zusammenarbeit könnten unterschiedlicher kaum sein. Boomer und auch ältere Millennials wuchsen noch in einer Welt ohne Internet und Schnurrtelefonen auf, in der es keine Handy-Flatrates und lange noch nicht mal Handys gab. Unterdessen wurde die Gen Z in eine digitalisierte Welt geboren. „Die Gen Z kann sich ein Leben ohne Social Media, Smartphone und Co. gar nicht mehr vorstellen“, sagt Maas. „Die digitale Vernetzung prägt sowohl den privaten Alltag als auch die Erwartungen an die Arbeitswelt: Schnelle Kommunikation, flexible digitale Tools und eine transparente Unternehmenskultur erscheinen jungen Menschen selbstverständlich.“

Laut der Zenjob-Studie aus dem Jahr 2024 legen über 90 Prozent der jungen Befragten großen Wert darauf, dass Unternehmen moderne Technologien einsetzen, um die Arbeit effizienter und flexibler zu gestalten. Besonders der Einsatz innovativer Tools wie Künstlicher Intelligenz wird als entscheidend für die Zukunftsfähigkeit von Arbeitsplätzen angesehen. Arbeitgeber, die technologische Fortschritte vorantreiben und digitale Prozesse fördern, schaffen somit nicht nur ein zeitgemäßes Arbeitsumfeld, sondern sichern sich auch die Aufmerksamkeit und Loyalität junger Talente.

Vorurteile gegenüber der Gen Z

Wie so oft im Leben ist der sinnvollste Umgang mit einer sich verändernden Welt vor allem, die Offenheit gegenüber Neuem. So rät auch Maas, dass sich Unternehmen bewusst mit den Werten und Bedürfnissen der Gen Z auseinandersetzen sollten. Nur so können sie die Herausforderungen des demografischen Wandels erfolgreich meistern. Doch dafür braucht es Mut, neue Wege zu gehen – und Geduld.

Und wem der Wandel noch schwerfällt, hilft ein kleiner Realitätsabgleich. Denn die Kritik an der jungen Generation ist keineswegs neu. „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. (…) Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Diese Aussage mag manchem geradezu aus der Seele sprechen. Die Jugend von heute ist einfach nichts mehr wert. Doch eben diese Jugend von heute war offenbar schon immer problematisch. Denn: Dieses Zitat stammt vom Philosophen Sokrates – und ist damit über 2000 Jahre alt.

Ähnliches stellt auch Maas fest: „Die Gen Z ist, wenn man so will, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der große Unterschied ist nur, dass die Älteren eben noch eine Zeit kannten, wo Fleiß, Überstunden und der Dienstleistungsgedanke einen hohen Stellenwert hatten. Die jungen Nachwuchskräfte lernen jedoch nun eine Welt mit einer Vier-Tage-Woche-Diskussion kennen und ein enormes Streben ins immer-bequemer. Für diese Tendenz haben wir Älteren ganz kräftig gesorgt. Dies nun den Jungen vorzuwerfen, wäre kontrafaktisch.“

Unternehmen stehen nun vor der Herausforderung, die neue Welt zu akzeptieren. Ein guter Anfang könnte sein, die Wünsche und Ziele der Jungen wertfrei zu betrachten. Denn ist der Wunsch, nur das zu leisten, für das man bezahlt wird, wirklich unverschämt? Und vielleicht ist der Gedanke, die Arbeit nicht zum Lebensmittelpunk zu machen, auch für die mentale Gesundheit sinnvoll. Wer die Wünsche der Gen Z ernsthaft durchdenkt, wird schnell erkennen: Die neuen Ansätze können durchaus zu einer nachhaltigeren Unternehmenskultur betragen. Und davon haben alle Generationen etwas. 

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