Im Dezember wurde Prof. Dr. Maja Göpel
beim Deutschen Nachhaltigkeitskongress in Düsseldorf mit einem von drei Ehrenpreisen des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2025 ausgezeichnet. Die Jury würdigte sie als eine der prägenden intellektuellen Stimmen der sozial-ökologischen Transformation, die komplexe Zusammenhänge verständlich macht und an einer zukunftsfähigen, werteorientierten Moderne arbeitet. Als Politökonomin, Transformationsforscherin, Bestseller-Autorin und Gründerin der Initiative „Mission Wertvoll“ verbindet sie wissenschaftliche Analyse mit der Praxis von Unternehmen und Politik. Kurz vor der Preisverleihung sprach 2bgood-Autor Emrich Welsing mit ihr darüber, was Transformation konkret bedeutet – und warum gerade der Mittelstand jetzt die Chance hat, Zukunft aktiv zu gestalten.
2bgood: Frau Prof. Göpel, was bedeutet die heutige Auszeichnung für Sie ganz persönlich?
Maja Göpel: Ich habe mich in der Begründung der Jury besonders über die Anerkennung gefreut, dass das Mutmachende oder das Hinsehen mit Bezug auf die Chancen im Vordergund meiner Arbeit steht. Denn ich habe mich immer darum bemüht zu sagen: „Wir kriegen die Vorteile von Veränderungen nur dann kommuniziert, wenn wir dabei auch ehrlich hinschauen, was im Status quo nicht funktioniert.“ Diese Balance zu finden, war immer mein Ziel, und dass das hier anerkannt wurde, als überzeugender Zugang, darüber habe ich mich sehr gefreut.
Optimistisch bleiben
2bgood: Der Ehrenpreis reflektiert ja auch die Vielfalt der Aspekte, mit denen Sie Nachhaltigkeit und Transformation betrachten.
Maja Göpel: Wenn sich die Zeit verändert, dann verändere ich natürlich auch die Suche nach den einflussreichsten Treibern gesellschaftlicher Veränderungen. Was sind gerade relevante Themen? Dazu stelle ich immer wieder die gleiche Frage: „Wer wollen wir Menschen auf diesem einen gemeinsamen Planeten sein?“ Und das andere, was sich bei mir durchzieht, ist: „Ich will den Glauben an das menschliche Potential nicht aufgeben. Da weigere ich mich.“ (lacht)
2bgood: Was bedeutet das für die wirtschaftliche Transformation – und warum ist gerade der Mittelstand dafür entscheidend?
Maja Göpel: Transformation bedeutet: veränderte Prozesse, veränderte Angebote, veränderte Infrastrukturen, veränderte Arbeitsplätze. Und da wissen wir natürlich, dass insbesondere die kommunale Ebene und damit auch mittelständische Unternehmen diejenigen sind, die das unter sich ändernden Bedingungen in die Realität umsetzen müssen. Gleichzeitig zeichnet sich Deutschland dadurch aus, dass wir so einen starken Mittelstand haben, wo viele Arbeitsplätze und viel Wertschöpfung verankert ist. Der Mittelstand ist ein zentraler Akteur, aber natürlich auch ein sehr diverser – je nach Region, Sparte und Sektor.
Werte als Kompass
2bgood: Von welchen Werten sollten sich Unternehmerinnen und Unternehmer besonders leiten lassen, um zukunftsfähig zu bleiben?
Maja Göpel: Im Prinzip glaube ich, dass heute ein mutiges Hinschauen auf die Risiko- und Kostenbilanz sehr wichtig ist, um dann ebenso mutig und möglichst frühzeitig zu erkennen, wo die Chancen für zukünftige Angebote liegen. Wir sehen ja den Unterschied zwischen denjenigen, die primär über Reporting und Kontrolle motzen, und anderen, die sagen: „Okay, ich nehme das als Chance an und schaue nicht nur auf Compliance, sondern auf neue Informationen durch Transparenz.“
Das ist eine klare Haltungsfrage. Manche sagen, „ es ist uns zu komplex und zu kompliziert“ und „lasst uns damit in Ruhe“. Aber viele andere fragen: „Wie können wir es in der Umsetzung verbessern, leichter, pragmatischer machen?“ Da ist es wichtig für sich selbst zu entscheiden: „Mit welcher Haltung möchte ich das Thema angehen?“ Außerdem sollten wir dieses Gegeneinander – Unternehmer versus Staat oder Markt versus Politik – einfach mal stoppen. Wirklich entscheidend ist doch: Welche Rahmenbedingungen ermöglichen verlässliche Übergangsprozesse, welche Ziele wollen wir erreichen und wie wirken die unterschiedlichen Anreize, Subventionen, Steuern, Standards in idealer Weise kohärent zusammen auf diesem Weg?
Den Horizont scannen
2bgood: Wie kann man aber diejenigen überzeugen, die sich Nachhaltigkeit und der Transformation verweigern?
Maja Göpel: Je nachdem, wie lange ein Unternehmen besteht, ist ja ein gewisser Stolz da. Wenn eine Firma schon lange existiert, mussten sicher schon mehrfach Geschäftsmodelle angepasst werden. Deshalb finde ich es wichtig, zwischen Geschäftsmodell und Unternehmen zu unterscheiden. Geschäftsmodelle können mit der Zeit obsolet werden oder nicht mehr passen, es gibt neue Mitbewerber usw. Aber für ein Unternehmen bleibt weiter der Spirit: „Ich möchte eine private Lösung für ein beschriebenes Problem oder einen selbst entdeckten Bedarf finden.“ Das ist für mich unternehmerisches Handeln.
Dabei gehört das Scannen des Horizonts – dieses „Achtung, hier verändert sich etwas“ – eigentlich zur normalen Aktivität. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir in Deutschland zu phlegmatisch geworden sind, vielleicht durch ein Versprechen, dass alles so bleibt, wie es ist. Es ist doch keine Unverschämtheit zu sagen: „Lass uns gucken, was in die Zukunft trägt und was nicht.“ Ich glaube, das ist in gewisser Weise auch eine Altersfrage. Ist die Nachfolgefrage nicht geklärt, ist das meistens innovationshemmend. Häufig habe ich auch erlebt: Wenn aus der Compliance bei den Mitarbeitenden Verständnis wächst, kann daraus eine intrinsische Motivation entstehen. ›
2bgood: Gerade ein Generationenwechsel oder eine Firmenübernahme können ja auch große Transformationsschübe bringen.
Maja Göpel: Genau. Ein Generationenwechsel ist meistens mit der Frage verbunden: „Was können wir updaten, welche neuen Akzente setzen?“ Das fällt natürlich leichter, als sich selbst nach vielen Jahren zu korrigieren. In der Familie oder Nachfolgerschaft geht es dann natürlich auch um eine wertschätzende Übergangssituation. Soziale und kulturelle Fragen sind dabei nicht zu unterschätzen.
Investitionen, Schulden, Richtungssicherheit
2bgood: Wie sollten Unternehmerinnen und Unternehmer heute auf Investitionen und Schulden blicken?
Maja Göpel: Dafür ist das Wichtigste die Richtungssicherheit. Als ich in Brüssel gearbeitet habe, hieß es immer „Long, Loud, Legal Signals“. Ich brauche einen Pfad, den ich sehen kann. Deshalb sagen viele Ökonomen mit Blick auf Transformationsprozesse, dass der Preis nicht völlig fluktuieren sollte, sondern in einem Korridor für CO2 Emissionen zum Beispiel, damit eine gewisse Planbarkeit entsteht und nicht alles anfällig für spekulative Investitionen wird.
Das ist auch die Rückmeldung aus der Industrie. Man kann Schulden machen, wenn die Rahmenbedingungen Klarheit und Verlässlichkeit bieten. Die Wärmepumpen- und Sanierungsbranche kennt das: Erst wird angekündigt, man mache alles rückgängig, was die Ampel und Robert Habeck entschieden haben, und eineinhalb Jahre später werden viele Vorschläge dann doch umgesetzt. Da fragen sich alle: „Was leitet euch in euren politischen Entscheidungen? Gibt es noch Wirkungsorientierung oder nur Machterhalt?“
Ja. Und so kriegen wir die notwendigen Investitionen nicht freigesetzt. Angela Merkel hat zum Beispiel keine Innovationsrichtung vorgegeben, sondern es wurde so getan, als könnte alles bleiben. Viele der heutigen Infrastrukturprobleme sind ausgesessene Frühwarnsysteme von gestern – aus einer Zeit, in der wir für Schulden sogar Geld bekommen hätten, da Bundesanleihen der sichere Hafen waren. Zweitens sind bei vielen Firmen, auch Familienunternehmen, Profite und Vermögen angewachsen – aber trotzdem wurde nicht investiert. Deshalb nervt es, wenn in der Debatte reflexartig geschrien wird: „Steuern runter, dann geht´s schon“. Wir können nicht einfach nur die Angebotsseite entlasten, und dann wird schon investiert. Das stimmt ökonomisch nicht. Wir brauchen in der Gesellschaft eine gewisse Sicherheit, damit die Nachfrage anspringt und viele sich trauen, Erspartes auszugeben. Dafür braucht es das Gefühl, dass an einem Gemeinschaftswerk gearbeitet wird – mit politischem Sachverstand und einer Bereitschaft, sich für diesen Standort einzusetzen. Dann trägt auch wieder die Idee von Unternehmertum: mit Investitionen für seine Ziele bestimmte Risiken einzugehen.
ESG-Standards als Orientierung
2bgood: Halten Sie einheitliche ESG-Standards für kleine und mittelständische Unternehmen für notwendig?
Maja Göpel: Ich kann den Ruf nach Standardisierung und Harmonisierung nachvollziehen. Dann muß nicht jedes Unternehmen selbst Expertise für diese Herausforderungen und ihre Erfassung aufbauen. Wenn man es gut aufsetzt, kann es auch ein kollaboratives Format sein, in dem Expertinnen und Experten schauen: „Was sind wichtige Kenngrößen? Welche Daten gibt es schon, wie werden sie pragmatisch erfasst, zusammengetragen und umgekehrt dann auch wieder zur Verfügung gestellt?“ Darauf kann man dann vertrauen und individuell herausarbeiten: „Hier sehen wir wichtige Hebelpunkte für die Entwicklung unserer Prozesse und Produkte.“ So bekomme ich Vergleichbarkeit und einen Standard, der bei den meisten funktioniert. Zu sagen: „Wir haben KPIs für wertvolles Wirtschaften, die für alle gelten“, macht aus meiner Sicht sehr viel Sinn. Die Frage ist, auch, wie man Berichtspflichten entsprechend der Größe unterschiedlich aufwändig macht. Wichtig ist die Verbindlichkeit und auch Konsequenzen, wenn viele Fehlstellungen einfach bestehen bleiben – weil hier ja der Ursprung liegt, dass ein Unternehmen, und damit Gesellschaften die Ziele nicht erreichen, die sie sich selbst setzen.
Siegel und ESG-Scores
2bgood: Und was halten Sie von Siegeln oder Auszeichnungen – etwa von ESG-Scores, wie wir sie auch bei 2bgood anbieten?
Maja Göpel: Ja, ich habe für meine Diplomarbeit zu unterschiedlichen Labels geschrieben. Wir haben von der Selbstverpflichtung bis hin zur staatlichen Kontrolle sehr unterschiedliche Verbindlichkeiten. Es ist wichtig zu schauen, dass diejenigen, die prüfen, nicht identisch mit denen sind, die die Kriterien festlegen. Wenn Fördergelder oder Ähnliches dranhängen, braucht es unbedingt Unabhängigkeit. Wenn wir sagen: „Wir deuten Erfolg um, wir geben neue Benchmarks durch Preisverleihungen und ESG-Scores, mit denen wir im Wettbewerb auf eine breitere Definition von Wertschöpfung einzahlen“, dann sind das wichtige und konstruktive Maßnahmen.
2bgood: Zunehmend werden solche Angaben ja von Kreditinstituten gefordert, wenn Unternehmen ein Darlehen bekommen wollen.
Maja Göpel: Wie gesagt, die Verbindlichkeit muss höher werden, je stärker davon Bevorzugung oder Bezuschussung abhängig ist. Nach den Forschungsergebnissen ist es ideal, wenn Finanzierer partnerschaftlich auf ein gemeinsames Erreichen oder Verbessern der Bewertungen setzen. So erlebe ich zum Beispiel bei der DEG im Aufsichtsrat, dass die Zusammenarbeit sehr stark auf Transformabilität ausgerichtet ist und dass immer von relativer Verbesserung ausgegangen wird. Der Anspruch ist: Aus den Daten und Ergebnissen entstehen Ideen, wie es weitergehen kann und wo Verbesserungen möglich sind. Das ist der Innovationsimpuls, der idealerweise greift. Den kann ich aber nur freisetzen, wenn es intern eine Fehler-Kultur gibt, Missstände früh zu entdecken und nicht zu verstecken sondern mutig neue Ideen einbringen zu dürfen.. Es hängt immer noch an Menschen, wie bestimmte Instrumente wirken. ESG-Scores sind eine Art Technologie – wie ich sie wahrnehme, wie ernst ich sie nehme und was ich damit mache, entscheidet über ihre Wirkung.
Kernbotschaft an den Mittelstand
2bgood: Welche Kernbotschaft haben Sie zu Nachhaltigkeit und Transformation abschließend für den Mittelstand in Nordrhein-Westfalen?
Maja Göpel: Ich fände es toll, wenn mehr Zukunft gemalt wird. Wenn wirklich mehr beschrieben wird, was Unternehmen gern erreichen würden, wie sie gern Produkte entwickeln würden, wie für sie gute Wertschöpfung im 21. Jahrhundert in den nächsten zehn Jahren aussieht. Wir sollten das auch gerne mal an die Medien geben, damit diese nicht immer von diesem Abwehrkampf und vom ständigen Vergleich mit „früher“ berichten – eher davon, wie das Morgen sein könnte. Und da finde ich die Formel wichtig: „Beste Qualität bei geringstem ökologischen Fußabdruck.“



